Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 26)

durch holde Töne macht.

Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,

Und keiner braucht den andern zu verdrängen.

Antonio: Wir wollen uns, Eleonore, nicht

Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.

Gar viele Dinge sind in dieser Welt,

Die man dem andern gönnt und gerne teilt;

Jedoch es ist ein Schatz, den man allein

Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,

Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten

Mit gutem Willen niemals teilen wird –

Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen:

Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.

Leonore:

Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt

Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du

Für seine Mühe, seine schöne Dichtung

Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können.

Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,

Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,

In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,

Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,

Mit einem holden Zeichen nur belohnt;

Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,

Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.

Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,

Das der Verehrer unfruchtbare Neigung

Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld

Aufs leichtste sich entlade. Du mißgönnst

Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein

Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiß,

Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,

Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.

Antonio:

Will etwa mich dein liebenswürd’ger Mund

Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?

Leonore:

Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen,

Brauch ich dich nicht zu lehren. Aber doch,

Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise

So sehr wie andre, daß man ihm die Güter,

Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.

Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom

Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.

Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,

Mit dem du deine Freunde dir verbindest,

Ist wirkend, ist lebendig, und so muß

Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.

Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun,

Das auf den Schultern dir als liebe Last

Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist

Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.

Antonio:

Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:

Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?

Leonore:

Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,

Und leichter wäre sie dir zu entbehren,

Als sie es jenem guten Mann nicht ist.

Denn sag, geläng es einer Frau, wenn sie

Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,

Mit dir sich zu beschäft’gen unternähme?

Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;

Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,

Du hast, was man dir geben möchte. Jener

Beschäftigt uns in unserm eignen Fache.

Ihm fehlt’s an tausend Kleinigkeiten, die

Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.

Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid

Mit etwas Stickerei, das trägt er gern.

Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann

Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,

An seinem Leib nicht dulden, alles soll

Ihm fein und gut und schön und edel stehn.

Und dennoch hat er kein Geschick, das alles

Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,

Sich zu erhalten; immer fehlt es ihm

An Geld, an Sorgsamkeit. Bald läßt er da

Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie

Von einer Reise wieder, daß ihm nicht

Ein Dritteil seiner Sachen fehle. Bald

Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,

Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.

Antonio:

Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.

Glücksel’ger Jüngling, dem man seine Mängel

Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,

Den

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