Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 23)

ist kein guter Wirt; wo es ihm fehlt,

Werd ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.

Prinzessin:

So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,

Vor allen andern sei er dir gegönnt:

Ich seh es wohl, so wird es besser sein.

Muß ich denn wieder diesen Schmerz als gut

Und heilsam preisen? Das war mein Geschick

Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt.

Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks,

Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.

Leonore:

Ich hoffe dich, so schön du es verdienst,

Glücklich zu sehn.

Prinzessin: Eleonore! Glücklich?

Wer ist denn glücklich? – Meinen Bruder zwar

Möcht ich so nennen, denn sein großes Herz

Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut;

Allein was er verdient, das ward ihm nie.

Ist meine Schwester von Urbino glücklich?

Das schöne Weib, das edle, große Herz!

Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder;

Er achtet sie und läßt sie’s nicht entgelten,

Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.

Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?

Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn?

Konnt er sie vor dem fremden Irrtum schützen?

Man nahm uns von ihr weg: nun ist sie tot;

Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, daß sie

Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei.

Leonore:

O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;

Betrachte, was noch einem jeden bleibt!

Was bleibt nicht dir, Prinzessin?

Prinzessin: Was mir bleibt?

Geduld, Eleonore! Üben konnt ich die

Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister

Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,

Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,

Und in Gesellschaft mancher Leiden mußt

Ich früh entbehren lernen. Eines war,

Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte,

Die Freude des Gesangs; ich unterhielt

Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht

Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.

Da wurde Leiden oft Genuß und selbst

Das traurige Gefühl zur Harmonie.

Nicht lang war mir dies Glück gegönnt, auch dieses

Nahm mir der Arzt hinweg: sein streng Gebot

Hieß mich verstummen; leben sollt ich, leiden,

Den einz’gen kleinen Trost sollt ich entbehren.

Leonore: So viele Freunde fanden sich zu dir,

Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.

Prinzessin:

Ich bin gesund, das heißt, ich bin nicht krank;

Und manche Freunde hab ich, deren Treue

Mich glücklich macht. Auch hatt ich einen Freund –

Leonore: Du hast ihn noch.

Prinzessin: Und werd ihn bald verlieren.

Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,

War vielbedeutend. Kaum erholt ich mich

Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren

Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt ich

Ins Leben wieder, freute mich des Tags

Und der Geschwister wieder, sog beherzt

Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein.

Ich wagt es, vorwärts in das Leben weiter

Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten

Begegneten mir aus der Ferne. Da,

Eleonore, stellte mir den Jüngling

Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,

Und, daß ich dir’s gestehe, da ergriff

Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten.

Leonore:

O meine Fürstin, laß dich’s nicht gereuen!

Das Edle zu erkennen ist Gewinst,

Der nimmer uns entrissen werden kann.

Prinzessin:

Zu fürchten ist das Schöne, das Fürtreffliche

Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,

Solange sie auf deinem Herde brennt,

Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,

Wie hold! wer mag, wer kann sie da entbehren?

Und frißt sie ungehütet um sich her,

Wie elend kann sie machen! Laß mich nun.

Ich bin geschwätzig und verbärge besser

Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.

Leonore:

Die Krankheit des Gemütes löset sich

In Klagen und Vertraun

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