Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 30)
willst,
Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt.
Doch das, was die Natur allein verleiht,
Was jeglicher Bemühung, jedem Streben
Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold
Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit
Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.
Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn
Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?
Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter
Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?
Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst,
Die er doch gern auf sich beschränken möchte,
Als das Talent, das jene Himmlischen
Dem armen, dem verwaisten Jüngling gaben.
Leonore:
O sähest du so klar, wie ich es sehe!
Du irrst dich über ihn; so ist er nicht.
Tasso:
Und irr ich mich an ihm, so irr ich gern!
Ich denk ihn mir als meinen ärgsten Feind
Und wär untröstlich, wenn ich mir ihn nun
Gelinder denken müßte. Töricht ist’s,
In allen Stücken billig sein; es heißt
Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen
Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!
Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen
Der doppelten Empfindung, Lieb und Haß.
Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags?
Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muß
Von nun an diesen Mann als Gegenstand
Von meinem tiefsten Haß behalten; nichts
Kann mir die Lust entreißen, schlimm und schlimmer
Von ihm zu denken.
Leonore: Willst du, teurer Freund,
Von deinem Sinn nicht lassen, seh ich kaum,
Wie du am Hofe länger bleiben willst.
Du weißt, wie viel er gilt und gelten muß.
Tasso: Wie sehr ich längst, o schöne Freundin, hier
Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl.
Leonore:
Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!
Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir,
Wie gern die Fürstin mit dir lebt; und kommt
Die Schwester von Urbino, kommt sie fast
So sehr um deint- als der Geschwister willen.
Sie denken alle gut und gleich von dir,
Und jegliches vertraut dir unbedingt.
Tasso:
O Leonore, welch Vertraun ist das?
Hat er von seinem Staate je ein Wort,
Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam
Ein eigner Fall, worüber er sogar
In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,
Mit andern sich beriet, mich fragt’ er nie.
Da hieß es immer nur: Antonio kommt!
Man muß Antonio schreiben! Fragt Antonio!
Leonore:
Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich
In unbedingter Freiheit lassen mag,
So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.
Tasso:
Er läßt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt.
Leonore:
Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst.
So lange hegst du schon Verdruß und Sorge,
Wie ein geliebtes Kind, an deiner Brust.
Ich hab es oft bedacht und mag’s bedenken,
Wie ich es will, auf diesem schönen Boden,
Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien,
Gedeihst du nicht. O Tasso! – Rat ich dir’s?
Sprech ich es aus? – Du solltest dich entfernen!
Tasso:
Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!
Reich ihm das Mittel, denke nicht daran,
Ob’s bitter sei. – Ob er genesen könne,
Das überlege wohl, o kluge, gute Freundin!
Ich seh es alles selbst, es ist vorbei!
Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;
Und sein bedarf man, leider meiner nicht.
Und er ist klug, und leider bin ich’s nicht.
Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,
Ich mag nicht gegenwirken Meine Freunde,
Sie lassen’s gehn, sie sehen’s anders an,
Sie widerstreben kaum und sollten kämpfen.
Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub es selbst –
So lebt denn wohl! Ich werd auch das ertragen.
Ihr