Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 31)

seid von mir geschieden – werd auch mir,

Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn!

Leonore:

Ach, in der Ferne zeigt sich alles reiner,

Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.

Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe

Dich überall umgab und welchen Wert

Die Treue wahrer Freunde hat und wie

Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt.

Tasso:

Das werden wir erfahren! Kenn ich doch

Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht

Uns hülflos, einsam laßt und ihren Weg

Wie Sonn und Mond und andre Götter geht.

Leonore:

Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie

Die traurige Erfahrung wiederholen.

Soll ich dir raten, so begibst du dich

Erst nach Florenz, und eine Freundin wird

Gar freundlich für dich sorgen. Sei getrost,

Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl

Die nächsten Tage dort zu finden, kann

Nichts freudiger für ihn und mich bereiten,

Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.

Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst,

Welch einem Fürsten du dich nahen wirst

Und welche Männer diese schöne Stadt

In ihrem Busen hegt und welche Frauen.

Du schweigst? Bedenk es wohl! Entschließe dich.

Tasso: Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz

Dem Wunsch gemäß, den ich im stillen nähre;

Allein es ist zu neu: ich bitte dich,

Laß mich bedenken; ich beschließe bald.

Leonore:

Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg

Für dich und uns und auch für dieses Haus.

Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,

So wirst du schwerlich etwas Bessers denken.

Tasso:

Noch eins, geliebte Freundin! sage mir,

Wie ist die Fürstin gegen mich gesinnt?

War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie? –

Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei.

Leonore:

Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.

Tasso:

Hab ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht.

Leonore:

Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.

Tasso:

Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?

Leonore:

Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiß.

Tasso:

Werd ich des Fürsten Gnade nicht verlieren?

Leonore:

In seiner Großmut kannst du sicher ruhn.

Tasso:

Und lassen wir die Fürstin ganz allein?

Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,

So weiß ich doch, daß ich ihr etwas war.

Leonore:

Gar freundliche Gesellschaft leistet uns

Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen.

Und es gelingt, ich sehe dich beglückt,

Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.

Der Fürst befahl’s: Antonio sucht dich auf.

Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,

Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,

Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.

Tasso:

Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.

Leonore:

Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,

Noch eh du scheidest, dir das Aug zu öffnen:

Daß niemand dich im ganzen Vaterlande

Verfolgt und haßt und heimlich drückt und neckt!

Du irrst gewiß, und wie du sonst zur Freude

Von andern dichtest, leider dichtest du

In diesem Fall ein seltenes Gewebe,

Dich selbst zu kränken. Alles will ich tun,

Um es entzweizureißen, daß du frei

Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest.

Leb wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort.

Dritter Auftritt

Tasso allein:

Ich soll erkennen, daß mich niemand haßt,

Daß niemand mich verfolgt, daß alle List

Und alles heimliche Gewebe sich

Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!

Bekennen soll ich, daß ich unrecht habe

Und manchem unrecht tue, der es nicht

Um mich verdient! Und das in einer Stunde,

Da vor dem Angesicht der Sonne klar

Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt!

Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst

Mit offner Brust mir

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