Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 32)

seine Gunst gewährt,

Mit reichem Maß die Gaben mir erteilt,

Im Augenblicke, da er, schwach genug,

Von meinen Feinden sich das Auge trüben

Und seine Hand gewiß auch fesseln läßt!

 

Daß er betrogen ist, kann er nicht sehen,

Daß sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen;

Und nur damit er ruhig sich betrüge,

Daß sie gemächlich ihn betrügen können,

Soll ich mich stille halten, weichen gar!

 

Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug

Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?

Lenore selbst, Lenore Sanvitale,

Die zarte Freundin! Ha, dich kenn ich nun!

O warum traut ich ihrer Lippe je!

Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr

Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit

Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war

Und bleibt ein listig Herz; sie wendet sich

Mit leisen, klugen Tritten nach der Gunst.

 

Wie oft hab ich mich willig selbst betrogen,

Auch über sie! Und doch im Grunde hat

Mich nur – die Eitelkeit betrogen. Wohl!

Ich kannte sie und schmeichelte mir selbst.

So ist sie gegen andre, sagt ich mir,

Doch gegen dich ist’s offne, treue Meinung.

Nun seh ich’s wohl und seh es nur zu spät:

Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich

So zart – an den Beglückten. Nun ich falle,

Sie wendet mir den Rücken wie das Glück.

 

Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,

Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,

Die kleine Schlange, zauberische Töne.

Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!

Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort!

Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang

Den falschen Sinn verbergen; an der Stirne

Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben

Von allem, was sie sprach. Ich fühl es leicht,

Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht

Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?

Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?

 

Und warum nach Florenz? Ich seh es wohl.

Dort herrscht der Mediceer neues Haus;

Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,

Doch hält der stille Neid mit kalter Hand

Die edelsten Gemüter auseinander.

Empfang ich dort von jenen edlen Fürsten

Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich

Gewiß erwarten dürfte, würde bald

Der Höfling meine Treu und Dankbarkeit

Verdächtig machen; leicht geläng es ihm.

 

Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt;

Ich will hinweg, und weiter, als ihr denkt.

 

Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück?

Oh, ich verstand ein jedes Wort zu gut,

Das ich Lenoren von den Lippen lockte!

Von Silb zu Silbe nur erhascht ich’s kaum

Und weiß nun ganz, wie die Prinzessin denkt –

Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!

“Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,

Da es zu meinem Wohl gereicht.” O fühlte

Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl

Und mich zugrunde richtete! willkommner

Ergriffe mich der Tod als diese Hand,

Die kalt und starr mich von sich läßt. – Ich gehe! –

Nun hüte dich und laß dich keinen Schein

Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand

Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst.

Vierter Auftritt

Antonio. Tasso.

Antonio:

Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,

Wenn du mich ruhig hören magst und kannst.

Tasso:

Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt;

Es ziemt mir wohl zu warten und zu hören.

Antonio:

Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte,

Und spreche gern zu dir aus freier Brust.

Zuvörderst lös ich in des Fürsten Namen

Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.

Tasso:

Die Willkür macht mich

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