Ungekürztes Werk "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen (Seite 172)
Bettler.« Ich hörte diesen Sentenz mit großer Ungedult, weil ich dergleichen zu vernehmen nicht gewohnt war, jedoch stellte ich mich viel anders als mirs ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere; bedankte mich zumal auch sehr vor seine erwiesene Treuherzigkeit, und versprach, mich auf sein Einraten zu bedenken, gedachte aber bei mir selbst wie des Goldschmieds Jung, und was es den Pfaffen geheie, wie ich mein Leben anstelle, weil es damals mit mir aufs höchste kommen war, und ich die nunmehr gekoste Liebswollüste nicht mehr entbehren wollte; es gehet aber mit solchen Warnungen nicht anders her, wann die Jugend schon Zaum und Sporn entwohnt hat und in vollen Sprüngen ihrem Verderben zurennt.
Das 20. Kapitel
Wie er dem treuherzigen Pfarrer ander Werg an die Kunkel legte, damit er sein epikurisch Leben zu korrigieren vergesse.
Ich war in den Wollüsten doch nicht so gar ersoffen oder so dumm, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu behalten, solang ich noch in derselbigen Festung zu verbleiben (nämlich bis der Winter vorüber) willens war; so erkannte ich auch wohl, was es einen vor Unrat bringen könnte, wann er der Geistlichen Haß hätte, als welche Leut bei allen Völkern, sie seien gleich was Religion sie wollen, einen großen Kredit haben; derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und tratte gleich den andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachtem Pfarrer, und loge ihm mit gelehrten Worten ein solchen zierlichen Haufen daher, was gestalten ich mich resolviert hätte, ihm zu folgen, daß er sich, wie ich aus seinen Gebärden sehen konnte, herzlich darüber erfreute; »ja«, sagte ich, »es hat mir seithero, auch schon in Soest, nichts anders als ein solcher englischer Ratgeber gemangelt, wie ich einen an meinem hochgeehrten Herrn angetroffen habe; wann nur der Winter bald vorüber, oder sonst das Wetter bequem wäre, daß ich fortreisen könnte«, bate ihn daneben, er wollte mir doch ferner mit gutem Rat beförderlich sein, auf welche Academiam ich mich begeben sollte? Er antwortet, was ihn anbelangt, so hätte er zu Leyden studiert, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich der Aussprach nach ein Hochteutscher wäre. »Jesus Maria!« antwortet ich, »Genf ist weiter von meinem Heimat, als Leyden.« »Was vernehme ich?« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich höre wohl, der Herr ist ein Papist, O mein Gott, wie finde ich mich betrogen!« »Wieso, wieso Herr Pfarrer« sagte ich, »muß ich darum ein Papist sein, weil ich nicht nach Genf will?« »O nein«, sagte er »sondern daran höre ichs, weil Ihr die Mariam anrufet.« Ich sagte: »Sollte denn einem Christen nit gebühren, die Mutter seines Erlösers zu nennen?« »Das wohl«, antwortet er, »aber ich ermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann, Er wolle Gott die Ehr geben, und mir gestehen, welcher Religion Er beigetan seie? denn ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube (ob ich ihn zwar alle Sonntag in meiner Kirchen gesehen), weil Er das verwichene Fest der Geburt Christi weder bei uns noch