Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 35)

den wichtigsten, mit kleinster Schrift geschriebenen Bemerkungen über alle seine Werke, und zwar von Dr. Semmelmann, fürstlichem Leibarzt in Maulbronn. Auf der Stelle versiegelte er entzückt das Paket und legt' es auf den alten Platz zurück, um eine Viertelstunde darauf vor dem Posthalter sich anzustellen, als säh er eben ein an sich adressiertes Briefschreiben, das er sofort auslösen und bezahlen wolle.

Aber der kurzstirnige Posthalter gabs durchaus nicht her; er halt es als Posthalter postfest, sagte er, bis auf die Station, und da könn es der Herr selber holen, wenn er keine posträuberische Absichten habe, was ein Posthalter nicht riechen könne. Nie bereute Katzenberger seine Ehrlichkeit aufrichtiger als diesesmal; aber in die dicke Kurzstirn war kein Licht und kein Blitz und kein Donnerkeil zu treiben: und Katzenberger hatte von seinen Wünschen nichts weiter, als daß der Posthalter, über ein so unsinniges Ansinnen erbittert, ihm die Zeche verdoppelt anschrieb und er selber zwischen Fortreisen nach Maulbronn und zwischen Umkehren, dem Semmelmannischen Pakete hintennach, ins Schwanken geriet.

Im ganzen bewahrte Katzenberger sich durch ­einen gewissen Egoismus vor allem Nepotismus. ­Eigentlich ist jede Menschenliebe, sobald sie auf besonderes Beglücken, nicht auf ruhiges Liebhaben anderer ausgeht, vom Nepotismus wenig unterschieden, da alle Menschen ja von Adam her Verwandte sind. Daher auch Männer in hohen Posten den Schein eines solchen Nepotismus gegen adamitische Verwandte so sehr fliehen. Übrigens lässet gerade diese Verwandschaft von Jahr zu Jahr mehr ruhige, kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitläuftigere Anverwandte voneinander und am Ende nur kahle Namenvettern, so daß man zuletzt nichts mehr zu lieben und zu versorgen braucht als nur sich.

Achtzehnte Summula

Männikes Seegefecht

Um den Leser nicht durch zuviel Ernst und Staat-Geschichte zu überspannen, möge ein unbedeutendes Seegefecht im Städtchen Höflein, wo die Pferde Vesperbrot und Vesperwasser bekamen, hier eine kurze Unterbrechung gewähren dürfen, ohne dadurch den Ton des Ganzen zu stören.

Der Wasserspringer Männike hatte nämlich den ganzen Höfleiner Adel und Pöbel auf die Brücke des Orts zusammengeladen, damit beide sähen, ob er auf dem Wasser so viel vermöge und gewinne als die Briten-Insel, diese Untiefe und Klippe des strandenden Europas. Der Springer, der sowohl bemitleidet als bewundert zu werden wünschte, und der unten im Nassen recht in seinem Elemente sein wollte, hatte dem Städtchen versprochen, im Wasser Tabak zu rauchen, mit einem Schiebekarren zu fahren, anderthalb Klafter hoch Freudenwasser wie Freudenfeuer zu speien, gleich einem Flußgotte von Stein, und dann im Strome noch größere Kunststücke für morgen der erstaunten Brücke zu versprechen.

Die Reisegesellschaft, die Pferde ausgenommen, begab sich gleichfalls auf die Brücke und machte gern einer herfliegenden gebratenen Taube den Mund auf.

Der Wasserspringer tat in der Tat, soweit Nachrichten reichen, das Seinige und den Rittersprung vom Geländer ins Wasser zuerst und stahl sich in viele Herzen. Inzwischen stand auf der Brücken-Brüstung ein längst in Höflein angesessener Hallore aus Halle, der mehrmals murmelte: »Die Pestilenz über den Hallpursch!« Er wollte sich wahrscheinlich in seiner Sprache ausdrücken und sich so Luft verschaffen, da er durch den Nebenbuhler unten

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