Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 60)
meine vielleicht indiskrete, doch abgedrungene Eröffnung zu verzeihen, daß Sie an mich geschrieben. Hier ist Ihr Brief, hier ist die Abschrift meiner Antwort darauf. Hier ist sogar noch mein, wenn nicht getroffnes, doch zu erratendes Gesicht vor der ›Allgemeinen Deutschen Bibliothek‹ und dazu eine Rezension Seite 213 darin, worin freilich nichts Wahres ist als die Namen Jagd, daß ich nämlich meinem Geschlechtnamen Nieß den Vornamen Theudobach vorgesetzt. – Kurz, ich bin der Dichter der unbedeutenden Trauerspiele, die mir jetzo selber eines bereiten. Ich verwünsche jede Minute, wo ich Ihnen etwas so Gleichgültiges verbarg, als mein Name ist. Das Bessere habe ich vielleicht zu wenig verfehlt. – Hier ist nun Ihr Brief – meine Handschrift – mein Geständnis – sogar mein Zerr-Bild. Am Himmel entfernt sich die Venus nicht über 47 Grade vom Bilde des Dichtergottes; wollen Sie sich weiter entfernen?«
Schweigend gab Theoda dem Hauptmann Nießens Brief, Rezension und Kupferstich mit der Unterschrift: »Theudobach von Nieß«. Ihr Herz quoll, ihr Auge quoll. »Was hatt ich ihm getan«, rief es in ihr, »daß er mein Herz so nahe aushorchte – daß er mich zu einem öffentlichen Irrtum verlockte, und daß ich beschämt dem Volks-Lächeln preisgegeben bin; was hatt ich ihm getan?« Sie dauerte der edle Mann neben ihr, als ob sie und der Poet zusammen ihm Lorbeer und Genie abgeplündert hätten – und sie wollte, als hätte sein Herz davon Risse bekommen, alle gern mit ihrem ausfüllen. Wie anders klang und schnitt jetzt die Musik in die Seele! Wie anders sahen die Riesenwache von Bäumen und die tollkühnen Nachtschmetterlinge an den Lichtern aus! So ist das Leben und Schicksal immer nur ein äußeres Herz, ein widerscheinender Geist, und wie die Freude die Wolken zu hohen, nur leichtern Bergen aufhebt, so verkehrt der Kummer die Berge bloß zu tiefern, festern Wolken. Theoda sah recht starr in die kleine Morgenröte des heraufziehenden Mondes, um durch starkes Aufmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Träne zu verhindern; als aber der Mond heraufkam, mußte sie die Augen abtrocknen.
Zweiunddreissigste Summula
Erkennszene
Der Hauptmann las sehr lange im Briefe und in der Rezension, um Licht genug zu bekommen. Lange durchsah er Nießens Bildnis vor der »Allgemeinen Deutschen Bibliothek«, dessen Ähnlichkeit ihm nicht recht einleuchten wollte; weil diese überhaupt Köpfe vorne vor dem Titelblatte nicht viel kenntlicher darstellte als im Werke selber. Doch wird damit nichts gegen den gebliebenen Wert eines Werkes gesagt, das von jedem guten Kopfe Deutschlands ohne Ausnahme wenigstens eine volle Seite, noch dazu mit Namens-Unterschrift, aufweist, nämlich die mit seinem Kopfe vorne vor dem Titelblatte. Der Hauptmann, der so plötzlich aus der Sonnenfinsternis in den hellen Mittag herabfiel, wandte sich gar nicht an Theoda, sondern zuerst an die Tischgesellschaft – erklärte laut, nicht er sei der große Dichter, sondern Hr. v. Nieß – er habe zwar etwas geschrieben, über die alte holländische Fortifikation – aber er ersuche also jeden, die Bewunderung, die er ihm zugedacht, zurückzunehmen und der Behörde zu schenken. – Darauf riß er ein Blättchen aus der Schreibtafel und schrieb an Hrn. v. Nieß: