Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 59)
halten, er mußte der ganzen auf dem Gesichte des Hauptmanns konvergierenden Gesellschaft zeigen, daß er selber Verdienst schätze und besitze. – »Das Wetter«, dacht er bei sich, »soll den Dichter erschlagen, wenn er nicht merkt, daß ich mir etwas aus ihm mache.« – Er knüpfte daher von neuem so an: »Ich darf wohl unberufen im Namen der ganzen Gesellschaft unsere Freude über die Gegenwart eines so berühmten Mannes ausdrücken. – Sie haben zwar bessere Gegenden gezeichnet; aber auch unsere verdient von Ihnen aufgenommen zu werden.«
Der Hauptmann, der, zum Genie-Korps gehörig, sich dabei nichts denken konnte als eine militärische Zeichnung zum Nachteil der Feinde, nicht eine poetische zum Vorteil der Freunde, gab, aufgemuntert, weil er endlich doch ein vernünftiges, d.h. ein Handwerks-Wort, zu hören und zu reden bekam, zur Antwort: »Wenn hier eine Festung ist, so tu ichs; jede ist übrigens überwindlich, und mich wunderte besonders, in demselben Buche Anleitung zur unüberwindlichsten Verteidigung und zur sieghaftesten Belagerung anzutreffen, wovon ja eines eo ipso falsch sein muß.«
Hier lächelte Strykius verschmitzt, um dem Krieger zu zeigen, daß er die Allegorie ganz gut kapiere; ihm war nämlich, wie allen Prosa-Seelen, nichts geläufiger als die vermoosete Ähnlichkeit zwischen Liebe und Krieg.
Der Hauptmann fuhr etwas verwundert fort: »Mich dünkt, durch Approchen, durch die dritte Parallele, wobei man über der Brustwehr fechten kann – durch falsche Angriffe« (hier nickte Strykius unaufhörlich zu und wollte immer lächelnder und schalkhafter aussehen) »– und am Ende durch den Generalsturm wird jede Jungfrau von Festung erobert.«
»Ich weiß nicht«, setzte der Hauptmann, ganz erbittert über den anlachenden Narren, hinzu, »ob Sie wissen, daß ich zum Genie-Korps gehöre.«
»O, wer wüßte es nicht von uns«, erwiderte er schelmisch, »und eben das Genie trägt den Köcher voller Liebepfeile.« Da wurde, wie von einem Schlagfluß, der Arzt aus seinem Anlächeln weggerafft durch des zürnend-roten Hauptmanns Wort: »Herr, Sie sind ein Arzt, und darum verstehen Sie nichts von der Sache.«
Ohne weiteres wandte er sich zu Theoda und fragte mit sanfter Stimme: »Sie, Vortreffliche, scheinen mich zu kennen, aber doch weiß ich nicht, wodurch.« – »Durch Ihre Werke«, sagte sie furchtsam. – »Sie hätten die einen gesehen und die andern gelesen? ...« sagte er und wollte über den Unterschied zwischen seinen um die Festung gebauten Werken und seinen darin geschriebenen noch ein Wort fallen lassen, als sie ihre Augen gegen ihn aufhob und auftat, wie ein paar Ehrenpforten ... Aber beide wurden unterbrochen.
Einunddreissigste Summula
Aufdeckung und Sternbedeckung
Theoda bekam ein versiegeltes Paket, mit der Bitte auf dem Umschlag, es sogleich zu öffnen. Sie tats. Anfangs kam bloß ein Band der »Allgemeinen Deutschen Bibliothek« heraus – dann in diesem, zwischen dem Titelblatte und dem gestochenen Gesicht eines berühmten Gelehrten, ein Briefchen von Nieß und dann das Briefchen von Theoda an Theudobach. –
Nieß schrieb: »Ich ehre Ihr Feuer. Ich verdamme meines. Ich bin selber der Dichter, für dessen Freund bloß ich mich leider unterwegs ausgegeben, und dessen Feind ich eigentlich dadurch geworden. Ich vergebe Ihnen gern Ihren öffentlichen Widerspruch gegen den meinigen; aber als Gegengeschenk bitt ich Sie, mir auch