Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 57)

– Ich und sie heißen Katzenberger, Herr von Theudobach!«

Der Hauptmann, der nach mathematischer Methode aus allen bisherigen Hindeutungen auf einen Briefwechsel mit ihm gar nichts heraussummiert hatte als den Heischesatz, daß man hier erst hinter manches kommen müßte, setzte, wie jeder Sternseher, fest: »Zeit bringt Rat; ein jeder Stern, besonders ein Bartstern, muß erst einige Zeit rücken, bevor man die Elemente seiner Bahn aufschreibt; folglich rücke der heutige Abendstern nur weiter, so weiß ich manches und rechne weiter.« Man setzte sich zu Tisch und Theoda sich neben den Hauptmann; Erdferne von ihm wäre ihr diesen Abend Wintertod gewesen. Sie hatte noch auf väterliche Nachbarschaft gerechnet; aber der Doktor, der sich von beiden Leuten nichts versprach als einen Abend voll dichterischer Sachen, einen Teich voll schwimmender Blüten ohne Karpfen und Karauschen und Hechte, hatte sich längst weggebettet unten hinab; und vom Doktor hatte sich wieder weit abgebettet der Brunnenarzt Strykius in einer geistigen Ehescheidung von Tische. Theoda schwieg lange neben dem geliebten Manne, aber wie voll Wonne und Reichtum! Und alles um sie her überfüllte ihre Brust! Über die Tafel wölbten sich Kastanienbäume – in die Zweige hing sich goldner Glanz, und die Lichter schlüpften bis an den Gipfel hinauf, über welchen die festen Sterne glänzten – unten im Tale ging ein großer Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige Fest – in Morgen standen helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Götter ruhten – und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz.

Theoda, durch jeden eignen Laut einen vom Dichter zu verscheuchen fürchtend und für ihre sonst scherzende Gesprächigkeit zu ernst bewegt, stimmte wenig mit der redelustigen Gesellschaft zusammen, welche desto lauter und herzhafter sprach, je mehr die Musik tobte; denn Tisch-Musik bringt die Menschen zur Sprache, wie Vögel zum Gesang, teils als Feuer- und Schwungrad der Gefühle, teils als ein Ableiter fremder Spür-Ohren.

Bloß der Hauptmann konnte sein Ich nicht recht mobil machen; er hatte so viele Fragen auf dem Herzen, daß ihm alle Antworten schwer abgingen. Theoda, welche schon nach Nießens Schilderung mehr Angrenzung an Nießische Leichtigkeit erwartet hatte, und vollends von einem Dichter, konnte sich die in sich versenkte Einsilbigkeit nur aus einem stillen Tadel ihrer öffentlichen Anerkennung erklären; und sie geriet gar nicht recht in den scherzenden Ton hinein, den Mädchen oft leicht gegen ihre Schreibgötter, auch aus einer mit Seufzern und Wonnen überhäuften Brust, anzustimmen wissen.

Der Brunnenarzt Strykius, der sich ihm mit einem festgenagelten Anlächeln gegenübergesetzt, befiel und befühlte ihn mit mehren Anspielungen und Anspülungen seiner Werke; aber der Hauptmann gab – bei seiner Unwissenheit über den Dichter und darüber, daß man ihn dafür hielt – unglaubliche Quer-Antworten, ohne zu verstehen und ohne zu berichtigen. So gewiß hören die meisten Gesellschafter nur einen, sich selber; – so sehr bringt jeder statt der Ohren bloß die Zunge mit, um recht alles zu schmecken, was über dieselbe geht, Worte oder Bissen. Hat sich ein Mann verhört, folglich nachher versprochen und endlich darauf sich aufs Unrechte und Rechte

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