Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 56)
aus Leihbibliotheken und auf Bühnen hatten kennen lernen, gingen unter dem Schirme wechselnder Schatten ganz nahe und anblickend neben seiner schönen Gestalt vorbei. Als er in seiner Uniform – dem weiblichen Jagd-Tuch oder Rebhühnergarn oder Frauen-Tiraß – und mit der hohen Feder (die auf dem Kopfe erhabner aussieht als hinter dem Ohre) so dahinschritt und die Menge überragte, wie der ursprüngliche Theudobach (nach Florus) seine Tropäe, und er als das Zwillinggestirn der Weiber, als Dichter und Krieger zugleich, sich durch seinen Himmel bewegte und mit Auge und Stimme so entschieden gegen männliche Wesen und doch mit beiden so scheu und bescheiden gegen weibliche einhertrat: so riß ein allgemeines Verlieben ein, und hinter ihm sah, da er mit dem fünfschneidigen Melpomenens-Dolch und mit dem Kriegerschwert alles schlug, der Weg wie eine weibliche Wallstatt aus; der einen war der Kopf, der andern das Auge, der dritten das Herz verwundet. Er aber merkte gar nichts von den sämtlichen Verwundeten, die er hinter sich nachführte. Bisher mehr astronomisch zu den Himmelsternen hinauf- als zu den weiblichen Augensternen herabzusehen gewohnt, zeigte er nicht den geringsten Mut vor einem ganzen Augensternhimmel; und vor einigen, welche den Busen mit nichts bedeckt hatten als mit ein paar Locken und Blumen, wollt er gar das Hasenpanier ergreifen. Jedoch schickte er seinen Blick heimlich nach dem Mädchen herum, das, ihm so unbekannt, dreist ihm vor einer Menge beigestanden hatte.
Theoda war aber längst durch das Gedränge zu ihrem Vater hingeeilt, wie unter dessen schirmende Fittiche gegen ihr Herz und das Volk. Sie war berauscht und beschämt zugleich, daß sie so öffentlich, mehr eine Leserin als ein Mädchen, sich in den Zweikampf von Männern als Sekundantin gemischt. Erst durch langes Bitten rang sie dem Vater die Erlaubnis ab, ihn dem Dichter vorzustellen, wiewohl ers ein Selber-Spektakelstück nannte.
Neben ihm stand sie, als sie ihren Lebens-Abgott, den bald Lichter, bald Schatten reizend bedeckten, herkommen sah und sie ihm aus der Ferne unbeschämter in das edle Antlitz schauen konnte. Sie stellte mit kindlicher Lust ihren Vater dem berühmten Genius vor. »Meine Tochter«, nahm Katzenberger leicht den Faden auf, »hat mich mit Ihrem Künstlerruhm bekannt gemacht; ich bin zwar auch ein Artista, insofern das Wort Arzt eine verhunzte Verkürzung davon ist; aber, wie gesagt, nur Menschen- und Vieh-Physikus. Daher denk ich bei einer Hauskrone und Lorbeerkrone mehr an eine Zahnkrone oder bei einem System sehr ans Pfortadersystem, auch Hautsystem, und ein Blasen- und ein Schwanenhals sind bei mir nicht weit genug getrennt. Mir sehen Sie dergleichen wohl nach! Dagegen weis ich Sie auf meine Tochter an.«
Der Hauptmann machte, d.h. zeigte die größten Augen seines Lebens; er fand in diesem Badeorte zu viel Wirrwarrs-Knoten. Doch aus Dankbarkeit gegen das Mädchen, das heute einen so kühnen Anteil an seinem Schicksale genommen, sagt' er nur: »Das schöne Fräulein, dem ich viel Dank schuldig bin, hat bloß Ihren Namen zu nennen vergessen.«
»So seid ihr Volk«, wandte sich der Vater an die Tochter; »wenn ihr nur eure Taufnamen habt, unter Briefen und überall; nach des Vaters Namen fragt ihr keinen Deut.