Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 58)
besonnen: so blickt er verwundert herum und will wissen, wie man seinen zufälligen Unsinn aufgenommen; er sieht aber, daß gar nichts davon vermerkt worden, und er behält dann zornig und eitel den wahren Sinn bei sich, ohne die fremden Köpfe wiederherzustellen in das Integrum des eigenen. Daher verstehen sich wenig andere Menschen als solche, die sich schimpfen, weil sie von einerlei Anschauungen ausgehen.
– – Hier führt mich die lange vorstehende Bemerkung beinahe in die Versuchung, nach vielen Jahren wieder
ein Extrablättchen
zu machen. Denn eben die gedachte Bemerkung hab ich erst vor einigen Tagen im neuesten Bande des »Kometen« gelesen; ja ob sie nicht gar (wie fast zu befürchten) noch in einem dritten Buche von mir sich heimlich aufhält, das weiß der Himmel, ich aber am wenigsten. Denn woher sollt ich nach ein paar Jahrzehenten wissen oder erfahren, was in meinen so zahl- und gedankenreichen Werken steht, da ich sie – ausgenommen unter dem Schreiben – fast gar nicht oder nur zu oberflächlich lese, sobald nicht zweite oder dritte Auflagen gefodert werden, in welchem letzten Falle ich mich sogar rühmen darf, daß ich den »Hesperus« dreimal (zweimal im achtzehnten Jahrhundert und einmal im neunzehnten) so aufmerksam durchgelesen als irgendein Mitleser aus einer Leihbibliothek, welcher exzerpiert. – Eben seh ich noch zum Glück, da ich, wie gesagt, mich auch unter dem Schreiben immer lese, daß ich den Satz oben fragweise angefangen, unten aber, wegen seiner unbändigen Länge, mit einem Fragzeichen zu schließen vergessen. – – Denn – um zurückzukommen – kann ich wohl bei der Menge wichtiger Bücher, welche die Vergangenheit und das Ausland aus allen Fächern liefern, und wovon ich noch dazu die besten, vor vielen Jahren gelesenen wieder durchgehen muß, weil ich sie jetzo besser verstehe, der neuen Supplementbibliotheken in jeder Messe gar nicht zu gedenken, – kann ich da wohl Lust und Zeit gewinnen, einen mir so alltäglichen und bis zur Langweile bekannten und auswendig gelernten Autor wie mich in die Hand zu nehmen? – Was in unserem Jahrhundert Gelehrte zu lesen haben, welche Berge und Bergketten von Büchern, leidet keine Vergleichung mit irgendeinem andern, ausgenommen mit dem nächsten zwanzigsten, wo sich die Sachen noch schlimmer zeigen, nämlich 200 neue Büchermessen mehr. Wahrlich, da brauch ich keine Sorbonne, welche mir, wie einmal dem Peter Ramus, das Verbot auflegt, die eignen Werke zu lesen. Aber warum fährt, bellt, schnaubt und schnauzt denn irgendein kritischer Schoßhund mich an, wenn ich statt des eignen Lesens nichts wiederhole als zuweilen eigne Gedanken? – Sinds aber vollends Gleichnisse: so möcht ich nur erst den fremden Mann kennen, der, bei meiner Überschwängerung damit, solche aus neunundfunfzig Bänden behielte; vollends nun aber der eigne Vater, welchem Gebornes und Ungebornes durcheinanderschießt, und der oft (der gute Mann!) zehn ungedruckte Geburten auf dem Papiere ungetauft liegen läßt und dafür eine alte, schon gedruckte unwissend wieder in die Kirche trägt und über das Becken hält. –
Da Strykius, wie gesagt, durch alle Halbantworten Theudobachs nicht aus seinem Mißverständnis, dieser sei der Dichter, herauskam, so ließ er sich auch durch nichts