Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 61)

er nehme gern sein unschuldiges Mißverständnis zurück, stehe aber zu jeder andern Genugtuung bereit.

Als dies alles bekannt wurde – und dem Brunnenarzt zuerst –, so brachte dieser jeden Abgrund versilbernde Mondschein sogleich zwei laute Toast aus: ­»Einen Toast auf den Mathematiker von Theudo­bach! – einen Toast auf den Dichter Theudobach von Nieß!« rief er. – So tanzte der frohe Mann nicht nur nach jeder Flöte, sondern, wie H–n, nach jeder Flötenuhr, die eben ausschlägt, und auf die vorige schnelle Anrede des Hauptmanns an ihn, welche, aus der Tafelsprache in die Schlachtsprache übersetzt, doch nur sagen wollte: krepiere! – – versetzte er freudig: auf Ihr langes Leben! –

Jetzt endlich kehrte sich Theudobach an die Jungfrau, welche auf ihre Kosten ihn mit dem Sonnenlehn eines großen Dichters belehnet hatte, und wand, indem er schmerzlich und vergeblich über Gutmachen nachsann, die bittende Frage herauf: wie all diese Mißverständnisse möglich gewesen. »Ich bitte Sie«, sagte sie mit müder Stimme, »meinen Vater zu fragen, der alles weiß.« Er schwieg. Trauerndes Nachdenken auf dem starken Männergesicht rührte die Jungfrau immer stärker; ihre Seele litt zu viel und konnte wieder nicht alle Zeichen verbergen, welche die fremde Teilnahme vermehrten. Hastig stand sie endlich auf – sagte ihrem Vater etwas ins Ohr – dieser nickte, und sie verschwand.

Dreiunddreissigste Summula

Abendtisch-Reden über Schauspiele

Auch Katzenberger hatte unten einige Werthers-Leiden ausgelitten, und zwar schon bei der Krebssuppe, weil da noch die ganze Tischgesellschaft, als eine niedere Geistlichkeit, zum Kirchdienste für den Dichter-Gott angestellt saß, welcher der Hauptmann zu sein schien; wozu noch der Kummer stieß, daß er seinen Strykius nicht vor sich hatte. Ein solcher Wirttisch war für Katzenberger ein Katzentisch. Er erklärte deshalb gern ohne Neid der nächsten Tisch-Ecke, daß er als Arzt über Bühnen-Skribenten seine eigne Meinung habe und folglich eine diätetische. Ein Lustspiel an und für sich, fuhr er fort, verwerfe niemand weniger als er; denn es errege häufig Lachen, und wie oft durch solches Lachen Lungengeschwüre, englische Krankheit, nach Tissot, Ekel (wenn auch nicht gerade der am Stücke selber), ja durch bloße Spaß-Vorreden Rheumatismen gehoben worden, wiß er ganz gut. – Ja, da Tissot eine Frau anführe, die nicht eher als nach dem Lachen Stühle gehabt, so halt er allerdings ernsthaft einen Sitz im Komödienhause für so gut als ein treibendes Mittel, so daß jeder aus seiner Leidengeschichte, wie man sonst bei einer andern getan, ein Lustspiel machen könne*. – Daher, wie der Quacksalber gern einen Hanswurst, so sehe der Arzt gern ­einen Lustspieldichter bei sich, damit beider Arzneien nach Verhältnis ihres Werts von gleichmäßigen Späßen unterstützt und eingeflößt würden.

»Das Trauerspiel aber, Herr Doktor?« fiel ein junger Mensch ein, der zu beantworten glaubte, wenn er befragte.

Gleichwohl glaub er, fuhr er ohne Antwort fort, Verstopfung und dergleichen ebenso leicht durch ­einige Sennes- und Rezeptblätter zu heben als durch ein vielblättriges Lustspiel, und ein Apotheker sei hier wenig verschieden von einem Hanswurst. – Er könne sich denken, daß man ihm hier das Trauerspiel einwerfe; aber entweder errege dieses gar nichts (dann gähnte man ebensogut und noch wohlfeiler in

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