Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 63)
der Doktor versetzte wieder leise: »Mangel an Fett, Herr Posthalter, können Sie im ersten Bande von Walthers köstlicher Physiologie gefunden haben – der sich vom Berliner Zergliederer Walter so unterscheidet wie beider Wissenschaften, also wie Geist von Körper –, Fett-Mangel macht zu empfindsam; denn die Nerven liegen halb nackt da und stoßen sich an alles. Ein Fetter hingegen führt sie, wie Eier, unter diesem Überguß gut bewahrt bei sich; Speck schützt gegen geistige Hitze und gegen äußerliche Kälte.«
Giftig redete den dicken Doktor selber das Fräulein an und sagte: »Ich kenne doch manche beleibte Personen von Empfindung.« –
»Von diesem Schlage«, versetzte er, »dürfte ich selber sein, meine reizende Grauäugige! Im Vorbeigehen, bei Ihren himmelgrauen Augen will ich doch anmerken, daß es gar keine blaue und keine schwarze Augen unter den Menschen gibt (grüne und gelbe jedoch), sondern, was sie so nennen, sind nur graue und braune, weil die Iris nie blau und schwarz aussieht. – Aber zurück! Ob ich nun gleich, als ein Mann von Talg, hier am Tafel-Ende den Fettschweif vorstelle, den sich das kirgisische Schaf nachfährt auf einem Wägelchen: so hab ich doch auch zwei Augen und ein Schnupftuch; wie oft hab ich nicht unter dem heftigsten Lachen Tränen vergossen! Desgleichen bei Kälte von außen, im Schlitten. Überhaupt, wie könnte man als gefrorne Winterbutter erscheinen, wäre man nicht äußerst weich? Nur das Weiche kann gefrieren, Gnädige, nicht das Harte.«
Zum Glück für einen Waffenstillstand unterbrach eben den Doktor der oben toastende Strykius mit seinen Neuigkeiten. Schwer ging jenem die unbegreifliche Verwandlung der beiden Edelmänner in ihr Widerspiel ein. Als er aber endlich das Wahre begriff und erhörte, und daß Nieß bisher, wie die alten Manuskripte, ohne Titelblatt gewesen und endlich sich eines vorgebunden, sein Namens-Pergament, und daß er bloß nach Autor-Sitte sich den Namen Theudobach geborgt und eingeätzt: so konnte sich der Doktor einiger Bemerkungen und Verwunderungen nicht enthalten, sondern gestand: ein anderer als er hätte dies ebensogut erraten können – die Namen-Rasur und -Tonsur durch Rezensenten gebe leicht Namen-Alibi und Namen-Nachdrucke der Autoren. Ja, er fand hierin Ähnlichkeit zwischen großen Autoren und großen Spitzbuben, daß beide bei ihrem Geschäfte fremde Namen annehmen, und führte aus des badischen Hofrats Roth Gauner-Liste von 1800 mehre zweite Autor-Namen an, wie sonst französische Prinzen zweimal getauft wurden, z.B. den großen Allgeier – den dürren Herrgott – den kleinen Pappenheimer – den reichen Bettler oder Spatzendarm – den großen Sauschneider – den Hennenfanger – den welschen Mattheis – kurz, lauter Namen, worüber die Gauner-Bande die wahren so vergißt wie das Publikum bei Autoren.
Vierunddreissigste Summula
Brunnen-Beängstigungen
Nach dem Entwickelungabende erschien Theoda nie an der öffentlichen Tafel mehr; weder väterlicher Spott noch Zank bezwangen sie. Hinter ihrer jungfräulichen Scherzhaftigkeit und Entschlossenheit, das Rechte, sogar auf Kosten der Form und Gewohnheit, zu ergreifen, lag ein empfindliches, lange nachfühlendes Herz verborgen; leider hielt dieses jetzt die Dornen der Übereilung in seinen Wunden fester. Wie sollte sie Unbescholtene das kleine Gewehrfeuer der weiblichen Blicke ertragen? Und doch ließ sie sich von diesen mit Quecksilber gefüllten, organisierten Nachtschlangen noch lieber