Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 64)
anleuchten als von den zwei Brautfackeln der Augen des Hauptmanns anglänzen, der damit in ihren offen gelaßnen Herzenkammern alles hatte sehen können, was er gewollt. Nur Nieß stieß ihr ohne besondere Verlegenheit von ihrer Seite auf; gegen ihn und dessen Passagier-Charaktermaske glaubte sie, wiewohl sie eigentlich ihm das öffentliche Unrecht angetan, ordentlich das meiste Recht zu haben. Man mag nun dies daraus herleiten, daß die weibliche Seele leichter vergibt, wenn sie Unrecht gelitten, als wenn sie es getan – oder daß sie Irrtümer lieber verdoppelt als zurücknimmt und sich lieber am Gegenstand derselben rächt als an sich selber bestraft – oder daß ihr sich ihr Inneres so abspiegelt, wie im Spiegel sich ihr Äußeres, nämlich jedes Glied verkehrt und das linkische Herz auf der rechten Seite – oder man mag es daraus erklären wollen, was fast das vorige wäre, nur in andern Wendungen, daß Frauenseelen dem milden Öle gleichen, welches, entbrannt, gar nicht zu löschen ist (denn Wasser verdoppelts) außer durch die kühle Erde – und daß sie sich, wie der Vesuv, durch Auswürfe nur desto mehr erheben, oder daß ihre Fehler den Menschen gleichen, welche, nach Young, durch den Krieg (d.h. durch das Erlegen) sich erst recht bevölkern – – kurz, wie man Theodas Betragen auch ableite: ich bin der Meinung, daß ich mehr recht habe, wenn ich behaupte, daß sie Herrn von Nieß weniger liebt als den Hauptmann. Ich berufe mich auf nichts als auf die Summeln, die noch kommen.
Ihre Brunnenbelustigungen bestanden jetzo – außer einigen hinter Schnupftuch und Bett- und Fenstervorhang versteckten Tränen – darin, daß sie zuweilen mit ihrem Vater ausging, der etwas an sich hatte, um damit Jünglinge leicht wegzuscheuchen, oder daß sie einsam die Berge der Blumen-Ebene bestieg, wenn eben Ball, Schauspiel oder Essen war – oder daß sie in das Tagebuch an ihre Freundin flüchtete, wie an eine nah herübergeflogne Brust. Dieses erzähle sich denn selber.
Fünfunddreissigste Summula
Theodas Brief an Bona
Bona! Ich war Dir nie ernst genug, jetzt, dächt' ich, wär ichs. Doch kann ich mich irren, und ich bin vielleicht nur wund. Herzen und Glocken bekommen so leicht Sprünge bei starkem Bewegen. Wär ich nur mit meinem an Deinem schneeweißen Halse: es sollte bald heil sein. Gräme Dich nicht voraus, ich habe nichts verloren, nicht einmal ein Stückchen Liebe, bloß ein paar Dummheiten. Nur der Mond, der mir beim Aufgang die Augen wässerte, steigt jetzt immer höher und zeigt mit Gewalt blutwarme Tropfen aus der Brust herauf; so zieh er denn fort!
Ach Bona, ich weine! Denn ich habe dumm gefehlt; und Du sollst heute alles wissen. Nur wird es mir sauer, Dir das lange historische Zeug auszubreiten, da ich dessen so satt und genug habe. Wir brauchen einen ganzen Herbst dazu, eh wir beide fertig sind mit der Sache.
Herr von Nieß ist ein Spitzbube: er ist eben der Dichter Theudobach eigenhändig, zu dem er mich geleiten wollen. So also ist eine heutige Manns- und Schreibperson! Wenn nun, sage mir, die bessern Schauspiel-Dichter nicht redlicher sind als ihre Schauspieler oder irgendein feinster