Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 66)

die erleuchteten Bäume, auf jeden Gast am Tische, wie auf die Sterne über mir – wie immer das freudige Herz überkochen wollte – und wie ich gern die armen Nachtschmetterlinge verscheucht hätte, die sich an den Lichtern zerstörten – und wie ich in die aufdämmernden Wolken in Osten mit feuchten Augen sah und dachte: wie gar zu selig wird dich vollends dein beglückender Mond machen, wenn er dich so findet ... Er fand mich nicht mehr so – er fand mich voll Scham und Gram, ich sah ihn an – Dein stillendes Auge wäre mir heilsamer gewesen – ich grub meines ordentlich ein in seinen Glanz und dachte dann nach: wie anders, anders es gewesen wäre, wäre alles so geblieben, welch eine unvergeßliche Paradieses-Nacht, die noch in keinem Traume gewohnt, ich hätte durchleben und ewig im Herzen halten dürfen! – Es sollte nicht sein, das zu große Glück. Indes, glaub ich, durchquellt keine Träne so heißschmelzend den ganzen Menschen als die, die er fallen lassen muß, wenn er, ebenso heiter wie andere, in einem weiten, duftenden, wehenden Arka­dien angelangt und stehend, plötzlich von irgend­einem einsamen Unglück umgriffen wird und nun mitten unter dem allgemeinen Gesange: ›Freut euch des Lebens‹, den er mitsingt, leise sagt: Freuet euch des Lebens, meines ist anders.

Ach, wozu dies alles? Aber eine wichtige Regel macht ich mir; und ich wollte, besonders die Männer hielten sie heilig: schone, o schone jede Seele bei ­einem Lustfeste, weil es ihr viel zu wehe tut, mitten in der allgemeinen Freuden-Ernte ganz allein gar nichts zu haben und doch noch, bei dem Zentner-Ach in der Brust, mit einem leichten Lächel-Gesicht dazustehen; daher sollten besonders die Liebhaber und die Eltern uns arme Mädchen mit Qualen verschonen auf Bällen, Hochzeitfesten, Maienfesten, Weinlesen. Ach, wir leiden nie mehr als in Gesellschaft; die Männer vielleicht in der Einsamkeit! Ich weiß es nicht.

Jetzo sah ich nicht mehr ab, warum ich Umstände mit der Tafel machen sollte; unglücklich konnt ich ja in der Einsamkeit so gut sein als in der Gesellschaft. Ich ging davon; und sagt es dem Vater. Das Allerdümmste (dacht ich) denken doch die Bade-Gästinnen ohnehin von mir; also ist nichts zu verderben an den Dummheiten.

Ich konnte aber unmöglich schon nach Haus und unter die Dach-Enge; ich mußte ins Weiteste; ich wollte die Sterne bei mir behalten. Da senkte mein ganzes Herz sich plötzlich auf die unsichtbare Brust meiner toten Mutter. Ich dachte an die Zauberhöhle, durch deren wunderbare Lichter sie einst die auf ihren Armen aufhüpfende Tochter durchgetragen; und ich erfragte unten im Dorfe den Höhlen-Eingang. Der Mond schien an die Pforte; die Kinder hatten davor gespielt und Ketten von Dotterblumen und ein kleines Gärtchen von eingesteckten Weiden zurückgelassen. Ich öffnete die Türe, um vor die weite, wie ein Leichnam in die Höhle begrabne Finsternis zu treten; aber als der Mond seinen Schimmer lang hineinwarf und ich meinen Schatten drinnen in der Höhle liegen sah: so schauderte michs; ich sah die Schattengestalt meiner Mutter in ihrem Grabe schlafen; da eilt ich davon und dachte

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