Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 67)
mir Dich und Dein Wohl, um mein Herz zu wärmen. O lebe wohl!
Spätere N. S. Sein Herz ist sein Gesicht; ich rede vom Hauptmann. Aus Zartheit wich er mir bisher aus; aber er schickte mir durch meinen Vater ein Blättchen, worin er alle Schuld des öffentlichen Mißverständnisses auf sich nimmt und durch seine Zurückziehung, um es nicht zu bestätigen, dafür zu büßen gesteht. Du wirst es lesen. Es gehe dem braven Jüngling wohl!
Aber unendlich sehne ich mich aus diesem Gottesacker voll blühender Nesseln und begrabner Schönheiten hinweg an Deine treue Brust hinan; dennoch muß ich ausharren, weil mein Vater nicht eher reisen will, als bis er, wie er fast so ernsthaft versichert, daß man bange wird, seinen Rezensenten abgestraft. Erfahr ich indes Deine Niederkunft: so bin ich ohne weiteres – ohne Vater und ohne Wagen – zu Fuße bei Dir, bei meiner alten schönern Zeit. Sonderbar ists, daß hier so manche noch außer uns weilen, die alle nicht baden und nicht trinken, nämlich Nieß und sogar der Hauptmann.
Sechsunddreissigste Summula
Herzens-Interim
Nun liefen vier Menschen, wie vier Akte, immer näher in dem Brennpunkt eines fünften zusammen. Aber Nieß gehörte nicht unter die Strahlen. Nachdem er lange und vergeblich bei Theoda auf den Thron des Autors sich als Mensch hinzusetzen versucht; – nachdem er den vielschneidigen Schmerz empfunden, daß ein bloßes Mädchen, und ein begeistertes für ihn dazu, und eine Reisegefährtin obendrein, den Dichtergeist nur als zufällige Flamme, wie das St. Elms-Feuer, an seinen Masten gefunden oder nur wie Blumen auf rohem Stamm: so war er seiner Sache gewiß und Theodas ledig und der Brunnenbelustigungen froh, nämlich des allgemeinen Lobes. Die Trompete der Fama bläset am leichtesten die Mädchen aus dem männlichen Herzen. Er war jetzt imstande, sich selber zu leben und seine Unsterblichkeit einzukassieren – ganz Maulbronn schwamm ihm zu –; er konnte (er tats auch) seinen Stock aus Vergessenheit liegen lassen, damit ihn am Bade-Morgen die schöneren Hände herumtrugen und die Herzen dabei glossierten. – Er konnte mit wahrem dichterischen Tiefsinn überall lustwandeln und keinen Menschen bemerken, da es ihm genug war, wenn er bemerkt wurde in seinen Schöpfungen mitten am hellen Tage. Er konnte sich hundertmal öffentlich vergessen, um ebensooft an sich zu erinnern. – Ohnehin konnte (und mußte) er den Maulbronner Schauspielern als flügelmännischer Vor-Souffleur vorsitzen und sich in der umherstehenden Lern-Truppe, wie in einem Spiegelzimmer, vervielfachen. – –
Dies alles heilte das Herz; den es gab Lust und Tumult, worin man eben Lieben so leicht versäumt als die Christen an Kirchweih-Tagen (Kirmes) die Frühpredigt. Am meisten aber wurd er von seiner Passion durch den Absatz heil, den seine Haare bei den Damen fanden. Da er voraussah, daß seine Verehrerinnen nach einer Reliquie von ihm so laufen würden als das Volk nach dem Lappen eines Gehenkten, wiewohl jene für das Bezaubern und dieses gegen dasselbe: so hatt er absichtlich seine Haar-Schur dem Bade aufgehoben und daher seinem Bedienten verstattet, sie anzukündigen und mit seiner Pegasus-Mähne einen kleinen Schnitthandel anzulegen. In der Tat schlug die Spekulation mit dem Flor von