Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 65)
Dieb: auf was hat sich eine gute Seele zu verlassen? Auf Gott und eine Freundin, wahrlich, auf sonst nichts. Wär ich nur über Deine Sorge und Bürde hinweg, und wäre Dein Kind an Deiner Brust: so fragte ich keinen Deut nach Begebenheiten, sondern säße bei Dir und erzählte sie.
Kurz, das geschmeidige, gewundene Schlangenwesen der Männer, das sich bis sogar in den Sonnentempel der Kunst einschlängelt, legte sich auch an mich und meinen Vater und kroch ein unter dem Namen von Theudobachs Freund. Er konnte mithin jedes Wort hören, was ich von ihm dachte: es war so gut, als war er mit meiner Seele in mein Gehirn eingesperrt.
Um uns alle recht in seinem blauen Dunste herumzuführen, sprengt er aus, der Poet komme erst abends, wenn er seinen Ritter vorlese. Vermutlich war sein Plan, wenn wir so alle mitten im Jubilieren über seinen Ritter und im Vormusizieren des Ständchens säßen, vom Sessel aufzustehen und zu sagen: ich bin der Mann selber. Zum Unglück für ihn und für mich versalzte ihm ein Namenvetter das ganze Tedeum. Es tritt nämlich gerade, als uns Frauen die Herzen steilrecht himmelan brennen, ein edler junger Mann herein, den alle Mädchen für den Maler und für das Urbild des Ritters zugleich ansehen müssen, nicht etwa ich allein. In einem Traum küßt ich einmal einer hohen himmlischen und doch sanften Gestalt des noch ungesehenen Dichters die Hand; geradeso sah der Fremde aus. Da sein Name wirklich Theudobach war und er auch allerlei geschrieben, wiewohl nur über Mathematik: so war er neugierig und zornig hierher gereiset, um zu sehen, wer ihm hier seine Rolle nachspiele. Kurz, in der Minute, da Nieß sich als den Theudobach demaskierte, steht der zweite, bessere da, der ihn in die alte Nießische Chauvesouris-Maske zurücksteckt. Und wahrlich, wer nur beide nebeneinanderstehen sah, den Hauptmann Theudobach in einer Gestalt, seines riesenmäßigen Urahns nicht unwürdig, und das feine Schachfigürchen Nieß, an ihm hinauf sturmlaufend, der mußte es machen wie ich und alle Deine vernünftige Ratschläge nicht denken. Ich ging nämlich öffentlich zum Hauptmann und erklärte ihn für den Dichter. Mir glüht hier schmerzlich das Gesicht, und ich denke an meines Vaters Wort: durch Eiligkeit entstehe oft Feuer, und durch Langsamkeit werd es stärker; weil die Leute die Sache gerade umkehrten. Indes war jeder meiner Meinung – auch noch unter dem Abendessen –; gleichwohl lauf ich jetzt als das Maulbronner Sünden-Böckchen herum und werde von den andern Sünden-Zicklein meines Geschlechts heimlich angemeckert. Denn Nieß schickte mir unter dem Essen meinen Brief an ihn und seinen Kupferstich; kurz, der Star wurde mir mit der Starnadel gestochen und ein bißchen das Herzchen dabei.
O, wie war ich hinter meiner Augenbinde, als hätte ich sie mir vom Amor geborgt, so ruhig-froh! Wenn ich Dir erst künftig einmal male, wie himmlisch der Sternen-Abend war, solange mir ihn nicht mein Schmerz umzog – wie rein-heiter ich an der Seite des guten Menschen saß, den ich noch für den poetischen Traumgott meiner Jugendträume ansah, und wie froh ich mein Auge auf alles um mich warf, auf