Ungekürztes Werk "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing (Seite 25)

Die Schlinge liegt

Ja nur dem geizigen, besorglichen,

Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht

Dem weisen Manne. Dieser ist ja so

Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,

Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't;

Mit welcher dreisten Stärk' entweder er

Die Stricke kurz zerreißet; oder auch

Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze

Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast

Du obendrein.

SALADIN.   Nun, das ist wahr. Gewiß;

Ich freue mich darauf.

SITTAH. So kann dich ja

Auch weiter nichts verlegen machen. Denn

Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß

Ein Jude, wie ein Jude: gegen den

Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,

Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;

Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm

Als Geck, als Narr.

SALADIN.   So muß ich ja wohl gar

Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht

Schlecht denke?

SITTAH.   Traun! wenn du schlecht handeln nennst,

Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

SALADIN. Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er

Nicht zu beschönen wüßte!

SITTAH. Zu beschönen!

SALADIN. Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,

In meiner plumpen Hand zerbricht! – So was

Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist:

Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. – Doch,

Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;

Und könnt' es freilich lieber – schlechter noch

Als besser.

SITTAH.    Trau dir auch nur nicht zu wenig!

Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst. –

Daß uns die Männer deinesgleichen doch

So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,

Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.

Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit

Dem Fuchse jagt: – des Fuchses, nicht der List.

SALADIN.

Und daß die Weiber doch so gern den Mann

Zu sich herunter hätten! – Geh nur, geh! –

Ich glaube meine Lektion zu können.

SITTAH. Was? ich soll gehn?

SALADIN.    Du wolltest doch nicht beiben? –

SITTAH. Wenn auch nicht bleiben ... im Gesicht euch bleiben –

Doch hier im Nebenzimmer –

SALADIN.  Da zu horchen?

Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn. –

Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt! – doch daß

Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern herein; und Saladin hat sich gesetzt.)

Fünfter Auftritt

Saladin und Nathan.

SALADIN. Tritt näher, Jude! – Näher! – Nur ganz her! –

Nur ohne Furcht!

NATHAN. Die bleibe deinem Feinde!

SALADIN. Du nennst dich Nathan?

NATHAN.  Ja.

SALADIN.    Den weisen Nathan?

NATHAN. Nein.

SALADIN.   Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.

NATHAN. Kann sein; das Volk!

SALADIN.    Du glaubst doch nicht, daß ich

Verächtlich von des Volkes Stimme denke? –

Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,

Den es den Weisen nennt.

NATHAN.    Und wenn es ihn

Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise

Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der,

Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

SALADIN. Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

NATHAN. Dann freilich wär' der Eigennützigste

Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise

Nur eins.

SALADIN.   Ich höre dich erweisen, was

Du widersprechen willst. – Des Menschen wahre

Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.

Hast du zu kennen wenigstens gesucht;

Hast drüber nachgedacht: das auch allein

Macht schon den Weisen.

NATHAN.   Der sich jeder dünkt

Zu sein.

SALADIN.  Nun der Bescheidenheit genug!

Denn sie nur immerdar zu hören, wo

Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.

(Er springt auf.)

Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber

Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

NATHAN. Sultan, ich

Will sicherlich

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