Ungekürztes Werk "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing (Seite 32)

– Wenn ich nur

Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch

Das wird aus Euerm wohl erhellen. – Fangt

Nur immer an.

DAJA.   Ei denkt doch! Nein, Herr Ritter:

Erst Ihr; ich folge. – Denn versichert, mein

Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn

Ich nicht zuvor das Eure habe. – Nur

Geschwind! – Denn frag ich's Euch erst ab: so habt

Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann

Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid

Ihr los. – Doch armer Ritter! – Daß Ihr Männer

Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben

Zu können, auch nur glaubt!

TEMPELHERR.    Das wir zu haben

Oft selbst nicht wissen.

DAJA. Kann wohl sein. Drum muß

Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt

Zu machen, schon die Freundschaft haben. – Sagt:

Was hieß denn das, daß Ihr so Knall und Fall

Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns

So sitzenließet? – daß Ihr nun mit Nathan

Nicht wiederkommt? – Hat Recha denn so wenig

Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel? –

So viel! so viel! – Lehrt Ihr des armen Vogels,

Der an der Rute klebt, Geflattre mich

Doch kennen! – Kurz: gesteht es mir nur gleich,

Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und

Ich sag Euch was ...

TEMPELHERR.  Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr

Versteht Euch trefflich drauf.

DAJA.   Nun gebt mir nur

Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch

Erlassen.

TEMPELHERR.

   Weil er sich von selbst versteht? –

Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben! ...

DAJA. Scheint freilich wenig Sinn zu haben. – Doch

Zuweilen ist des Sinns in einer Sache

Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre

So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland

Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge

Von selbst nicht leicht betreten würde.

TEMPELHERR.       Das

So feierlich? – (Und setz ich statt des Heilands

Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht? –) Ihr macht

Mich neubegieriger, als ich wohl sonst

Zu sein gewohnt bin.

DAJA.    Oh! das ist das Land

Der Wunder!

TEMPELHERR.

  (Nun! – des Wunderbaren. Kann

Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt

Drängt sich ja hier zusammen.) – Liebe Daja,

Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt:

Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife,

Wie ohne sie ich leben werde, daß ...

DAJA. Gewiß? gewiß? – So schwört mir, Ritter, sie

Zur Eurigen zu machen, sie zu retten:

Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

TEMPELHERR.

Und wie? – Wie kann ich? – Kann ich schwören, was

In meiner Macht nicht steht?

DAJA.     In Eurer Macht

Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort

In Eure Macht.

TEMPELHERR.  Daß selbst der Vater nichts

Dawider hätte?

DAJA.   Ei, was Vater! Vater!

Der Vater soll schon müssen.

TEMPELHERR.     Müssen, Daja? –

Noch ist er unter Räuber nicht gefallen. –

Er muß nicht müssen.

DAJA.    Nun, so muß er wollen;

Muß gern am Ende wollen.

TEMPELHERR.   Muß und gern! –

Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß

Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen

Bereits versucht?

DAJA.    Was? und er fiel nicht ein?

TEMPELHERR. Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich –

Beleidigte.

DAJA.    Was sagt Ihr? – Wie? Ihr hättet

Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha

Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden

Nicht aufgesprungen? hätte frostig sich

Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten

Gemacht?

TEMPELHERR.

    So ungefähr.

DAJA.   So will ich denn

Mich länger keinen Augenblick bedenken –

(Pause.)

TEMPELHERR.

Und Ihr bedenkt Euch doch?

DAJA. Der Mann ist sonst

So gut! – Ich selber bin so viel ihm schuldig! –

Daß er doch gar nicht

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