Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 42)
so erzeig sie uns.
GESSLER:
Fort, schafft das freche Volk mir aus den Augen.
ARMGARD greift in die Zügel des Pferdes:
Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren.
– Du kommst nicht von der Stelle Vogt, bis du
Mir Recht gesprochen – Falte deine Stirne,
Rolle die Augen wie du willst – Wir sind
So grenzenlos unglücklich, daß wir nichts
Nach deinem Zorn mehr fragen –
GESSLER: Weib, mach Platz,
Oder mein Roß geht über dich hinweg.
ARMGARD: Laß es über mich dahingehn – da –
Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen ihm in den Weg.
Hier lieg ich
Mit meinen Kindern – Laß die armen Waisen
Von deines Pferdes Huf zertreten werden,
Es ist das Ärgste nicht, was du getan –
RUDOLF DER HARRAS: Weib, seid Ihr rasend?
ARMGARD heftiger fortfahrend: Tratest du doch längst
Das Land des Kaisers unter deine Füße!
– O ich bin nur ein Weib! Wär ich ein Mann,
Ich wüßte wohl was Besseres, als hier
Im Staub zu liegen –
Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des Wegs, aber gedämpft.
GESSLER: Wo sind meine Knechte?
Man reiße sie von hinnen oder ich
Vergesse mich und tue was mich reuet.
RUDOLF DER HARRAS:
Die Knechte können nicht hindurch, o Herr,
Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.
GESSLER: Ein allzu milder Herrscher bin ich noch
Gegen dies Volk – die Zungen sind noch frei,
Es ist noch nicht ganz wie es soll gebändigt –
Doch es soll anders werden, ich gelob es,
Ich will ihn brechen diesen starren Sinn,
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen.
Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen
Verkündigen – Ich will –
Ein Pfeil durchbohrt ihn, er fährt mit der Hand ans Herz und will sinken.
Mit matter Stimme:
Gott sei mir gnädig!
RUDOLF DER HARRAS:
Herr Landvogt – Gott was ist das? Woher kam das?
ARMGARD auffahrend:
Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!
Mitten ins Herz hat ihn der Pfeil getroffen!
RUDOLF DER HARRAS springt vom Pferde:
Welch gräßliches Ereignis – Gott – Herr Ritter –
Ruft die Erbarmung Gottes an – Ihr seid
Ein Mann des Todes! –
GESSLER: Das ist Tells Geschoß.
Ist vom Pferde herab dem Rudolf Harras in den Arm gegleitet
und wird auf der Bank niedergelassen.
TELL erscheint oben auf der Höhe des Felsen:
Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.
Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.
STÜSSI voran:
Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?
ARMGARD:
Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.
VOLK im Hereinstürzen: Wer ist erschossen?
Indem die vordersten von dem Brautzug auf die Szene kommen,
sind die hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.
RUDOLF DER HARRAS:Er verblutet sich.
Fort, schaffet Hilfe! Setzt dem Mörder nach!
– Verlorner Mann, so muß es mit dir enden,
Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!
STÜSSI: Bei Gott! da liegt er bleich und ohne Leben!
VIELE STIMMEN:
Wer hat die Tat getan?
RUDOLF DER HARRAS: Rast dieses Volk,
Daß es dem Mord Musik macht? Laßt sie schweigen.
Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.
Herr Landvogt, redet, wenn Ihr könnt – Habt Ihr
Mir nichts mehr zu vertraun?
Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er